Menschen

Wir sind fünf Menschen mit unterschiedlichen Lebenswegen, Erfahrungen und Zugängen zur Tiefen Anpassung. Uns verbindet nicht eine fertige Antwort auf die Krisen unserer Zeit, sondern die Bereitschaft, gemeinsam hinzusehen, zu fühlen und im Nicht-Wissen gegenwärtig zu bleiben.

Wir verstehen uns als Lernende. Wir bringen verschiedene Fähigkeiten, Fragen, Prägungen und auch Widersprüche mit. Gemeinsam möchten wir Räume öffnen, in denen Trauer, Scham, Angst und Ohnmacht ebenso Platz haben wie Verbundenheit, Lebendigkeit, Humor und die Suche nach einem verantwortlichen Handeln.

WIE wir miteinander und mit anderen unterwegs sind, ist uns dabei mindestens so wichtig wie das, WAS wir tun.

In unsere Arbeit fließen Impulse folgender Menschen und Quellen ein:

Vanessa de Machado di Oliveira, Joanna Macy, Charles Eisenstein, Bayo Akomolafe, Robin Wall Kimmerer, Carolyn Baker, Margaret Wheatley, Dialog nach Bohm, Marshall B. Rosenberg, Pema Chödrön, Alan Watts, Jon Kabat-Zinn, Byron Katie, Elisabeth Kübler-Ross, Francis Weller, Michael Meade, transpersonale Psychologie, Somatic Experiencing, Thomas Hübl, Dark Mountain Project, David Abram, Andreas Weber, Rainer Maria Rilke, Joseph Beuys, Ursula K. Le Guin, Camille Sapara Burton, Adrienne Mareen Brown, Kai Cheng Thom uvm.

Daniela (geb. 1982, sie)

Ich wünsche mir, dass Menschen, die das Dilemma unserer Zeit erkennen und es tief in ihrem Herzen spüren, sich damit nicht allein fühlen. Denn genau so habe ich mich selbst zeitweise erlebt: Zwischen Zukunftsängsten, Schuldgefühlen und dem Wunsch, etwas Sinnvolles beizutragen, fehlte mir oft der Rahmen, in dem all das da sein durfte.

Auf der Oberfläche scheint unsere aktuelle Lage aus multiplen ökologischen und politischen Krisen zu bestehen. Im Kern jedoch, so glaube ich, wurzeln sie alle in der Art und Weise, wie wir Menschen über Generationen gelernt haben, mit uns selbst, miteinander und der Welt in Beziehung zu sein. Viele der Muster, die Krisen hervorbringen oder ihre Bewältigung erschweren, werden im zwischenmenschlichen Raum erlernt und fortgeschrieben. Und umgekehrt kann genau dort etwas Neues entstehen.

Vielleicht auch deshalb verbinde ich mit der Tiefen Anpassung vor allem eine achtsame und wertschätzende Gemeinschaft.Mich bewegt auch die Frage, wie ein Brücken-bauen gelingen kann: sowohl zwischen verschiedenen Menschen, Kulturen, Generationen und Lebenswelten als auch zwischen meinen ganz eigenen Mustern und neuen Formen des Denkens und des Miteinanders im alltäglichen Leben. Mal betrübt, mal beflügelt scheitere ich voran, erlebe meine eigene Begrenztheit und Grenzen, im stetigen Versuch eine Balance zwischen den großen Fragen unserer Zeit und meinem eigenen Familien- und Alltagsleben zu finden, Widersprüche zu vereinen oder nebeneinander stehen zu lassen.

Dorle (geb. 1970, sie)

Nach einer jahrzehntelangen, ziemlich bürgerlichen Phase mit Ausbildung, Beruf, Familie und Haus folgte eine kurze, intensive „Ach du Scheiße – jetzt aber Klimaaktivismus!“-Zeit. Dann sickerte langsam und sehr schmerzhaft die Erkenntnis durch: Puh, nein. Zu spät. Das war meine Kollapsbewusstwerdung.

Diese Erkenntnis war nicht nur erschütternd und stellte vieles infrage, sondern brachte auch eine gewisse Erleichterung mit sich: Ich musste nicht mehr jede Minute versuchen, die Welt zu retten.

Seitdem dreht sich mein Leben stark um die Auseinandersetzung mit dem Kollaps. Ein Beispiel: Im Podcast „kollapsbewusst“ habe ich Menschen danach gefragt, wie sie ihren eigenen Prozess der Bewusstwerdung erlebt haben.
Ein weiteres großes Thema für mich ist die Krisenfür- und -vorsorge – lokal und überregional, praktisch, emotional, theoretisch und vernetzend. Dazu gehört beispielsweise die Gründung einer Solidarischen Landwirtschaft vor Ort und das “die Tiefe Anpassung wieder in die Welt bringen”

In meinem eigenen Prozess gewinnt die Frage nach dem WIE immer mehr an Bedeutung. Die Fixierung auf das WAS möchte ich zunehmend verlernen.

Auf eine einzige Formulierung gebracht, bedeutet Tiefe Anpassung für mich: lieben und sterben lernen.

Katharina (geb. 1978, weiblich sozialisiert, keine Pronomen, weiß, neurodivergent)*

Meine Lebensweg-Reise führte mich zunächst über ein wirtschaftswissenschaftliches Studium in viele Jahre in der Unternehmenswelt. Parallel dazu begleiteten mich eine jahrzehntelange buddhistische Meditationspraxis, die tiefe Naturverbindung und schließlich die körper- und traumatherapeutische Arbeit. Heute verstehe ich all diese Wege als Teile derselben Suche.

Denn schon als Jugendliche beschäftige mich die Suche nach dem Sinn in dieser individualisierten, fragmentierten und geschäftigen Welt, in der ich aufgewachsen bin. Ich vermisste der Verbindung mit dem Lebensnetz um mich herum. Und mit jedem Jahr wurde mir deutlicher, dass es für vieles, was in mir und um mich herum geschieht, kaum Räume gibt: für Trauer über das Artensterben, für Ohnmacht angesichts gesellschaftlicher Entwicklungen, für Scham, Schuld, Liebe, Verbundenheit und die Sehnsucht, trotzdem ein Teil dieser Welt zu sein.

Die Tiefe Anpassung beschreibt für eher eine Haltung. Eine Einladung, den überwältigenden Krisen unserer Zeit mit offenem Herzen, einem liebenden Körper und gegenseitiger Fürsorge zu begegnen.

Ich bin Heilpraktikerin für Psychotherapie (körperorientierte Traumatherapie), Mentorin für Naturverbindung und begleite seit vielen Jahren Menschen in Einzelprozessen und Gruppen – vor allem gemeinschaftliche Trauerarbeit zieht mich besonders an . Besonders wichtig sind mir eine traumasensible, schamsensible, machtkritische, dekoloniale und diskriminierungssensible Praxis sowie die Frage, wie wir in einer verletzten und sterbenden Welt liebevoll und lebendig bleiben können.

Lena (geb. 1982, sie/keine Pronomen, weiß, neurodivergent)*

Als Kind wollte ich die Welt retten. Heute lerne ich, mit lebendigem Herzen in Verbundenheit zu leben. Das ist es, was mich trägt.

Schon als Kind fühlte ich mich der mehr-als-menschlichen Mitwelt tief verbunden. Bei den Pfadfinder*innen fand ich als Jugendliche die Gemeinschaft, nach der ich mich lange gesehnt hatte und der ich bis heute verbunden bin. Dort lernte ich, dass jede ihren eigenen Weg geht und wir uns dabei gegenseitig brauchen.

Kurz nach der Geburt meines Kindes bekam dieses Selbstverständnis Risse. Mir wurde schmerzlich bewusst, dass die Klimakatastrophe längst begonnen hatte. Was ich Jahre zuvor im Studium nur als Simulation kennengelernt hatte, wurde Realität. Die Verantwortung, ein Kind in diese Zukunft geboren zu haben, löste Schuld, Scham, Angst und Hilflosigkeit aus.

Ich versuchte zu handeln. Gemeinsam mit anderen Müttern engagierte ich mich im Klimaschutz – soweit mir das als Mutter eines neurodivergenten Kindes innerhalb der Zwänge von Patriarchat und Kapitalismus möglich war. Heute sehe ich, dass mein Wunsch, aus diesen Systemen auszubrechen, von der Hoffnung getragen war, das Schlimmste noch verhindern zu können – und zugleich von romantisierten Vorstellungen und Verdrängung.

Der plötzliche Tod meines Vaters wurde zu einem weiteren Wendepunkt. In meinem Trauerprozess begegnete ich der Tiefen Anpassung. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, wie sehr ich gelernt hatte zu funktionieren, statt zu fühlen. Seitdem übe ich, meinen Gefühlen Raum zu geben, mich besser zu verstehen, mich mitzuteilen und das Funktionieren zu verlernen – nicht leicht in einem System, das Vereinzelung und Verdrängung fördert, und auch nicht mit einem Nervensystem, das oft eher zu viel als zu wenig wahrnimmt.

Heute finde ich dafür Übungsräume in der Arbeit mit jungen Menschen, in unserer Nachbar*innenschaft und in der behutsamen Arbeit mit einem Fleckchen Erde. Dort übe ich, mit lebendigem Herzen präsent zu sein – für mich selbst, für andere Menschen und für die mehr-als-menschliche Mitwelt.

Tiefe Anpassung bedeutet für mich, mutig hinzuschauen, das Ausmaß dessen anzuerkennen, was verloren geht, und den Schmerz darüber zuzulassen. Gerade darin liegt für mich die Möglichkeit, weich zu bleiben und Verbundenheit zu leben – mit mir selbst, mit anderen Menschen und mit der mehr-als-menschlichen Mitwelt.

Ich wünsche mir Räume, in denen wir gemeinsam üben können, mit lebendigem Herzen in Verbundenheit zu leben, gewaltvolle Systeme und Routinen zu erkennen und zu verlernen und das Schöne dieser Welt wahrzunehmen, zu genießen und zu feiern. Genau darin finde ich das, was mich trägt.

Claudia (geb. 1969, sie)

Lange Zeit vertraute ich darauf, dass sich die Welt durch nachhaltige Entwicklung, bessere Konzepte und gesellschaftliches Engagement zum Guten wandeln ließe. Mit der Zeit wurde ich jedoch mit Realitäten konfrontiert, die dieses Vertrauen erschütterten. Nicht auf einen Schlag, sondern in vielen kleinen Begegnungen mit dem, was ich zuvor nicht sehen oder nicht halten konnte.

Dieser Bewusstwerdungsprozess ist eine fortwährende Praxis des Hinsehens – auch auf das, was ich selbst lieber vermeiden würde. Ich lerne, mit Trauer, Angst, Ohnmacht und Unsicherheit zu leben, ohne ihnen auszuweichen und ohne sie vorschnell auflösen zu wollen.

Tiefe Anpassung ist für mich eine Einladung, den Verlust vertrauter Gewissheiten zu betrauern und zugleich jene Qualitäten zu kultivieren, die auch in Zeiten des Zerbrechens Lebendigkeit nähren können: Beziehung, Mitgefühl, Demut und die Bereitschaft, sich von dem berühren zu lassen, was ist.

Von 2019 bis zu meiner ME/CFS-Erkrankung im Frühjahr 2023 habe ich – teilweise zusammen mit anderen – unter dem Titel “Tiefe Anpassung” Kreise und Workshops gestaltet, in denen Menschen den Herausforderungen unserer Zeit begegnen können, um ihre Fähigkeit zu stärken, mit Komplexität, Verstrickung und Unsicherheit präsent zu bleiben. Diese Arbeit lebt nun in dem sich neu gefundenen Kollektiv wieder auf, in dem ich im Rahmen meiner Kapazitäten Verantwortung übernehmen darf.

Als freischaffende Künstlerin erforsche ich dieselben Fragen mit anderen Mitteln. Meine Arbeiten laden dazu ein, Zeugenschaft für das große Sterben zu üben, Schönheit im Fragment zu entdecken und Beziehung dort entstehen zu lassen, wo Marktlogik und Verwertbarkeit zurücktreten.


*Erklärung der Selbstbeschreibung: 

Die Gesellschaften, in denen wir leben, sind von Vorstellungen darüber geprägt, was als “normal” gilt und was nicht. Mit diesen Normen sind unterschiedliche Privilegien und Benachteiligungen verbunden. Gerade bei den verletzlichen Themen, mit denen wir uns beschäftigen, kann es hilfreich sein zu wissen, wie ein Mensch sozialisiert wurde und welche Erfahrungen von Privilegierung oder Marginalisierung ihn geprägt haben. Deshalb nennen einige von uns Aspekte ihrer gesellschaftlichen Positionierung.

Pronomen: manche Menschen verwenden andere Pronomen als diejenigen, die häufig mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht verbunden werden. Mit der Angabe von Pronomen teilen Menschen mit, wie sie angesprochen oder über sie gesprochen werden möchten. Wenn dort „keine Pronomen“ steht, kannst du einfach den Namen der Person verwenden.

weiß: Selbst- oder Fremdbezeichnungen wie „weiß“ oder „Schwarz“ beschreiben keine Hautfarben, sondern gesellschaftliche Positionierungen. Mit ihnen sind – je nach gesellschaftlichem Kontext – unterschiedliche Erfahrungen von Privilegierung oder Rassismus verbunden

Neurodivergent: Menschen erleben, verarbeiten und beantworten die Welt auf unterschiedliche Weise. Menschen, deren Wahrnehmung, Informationsverarbeitung oder Nervensystem deutlich von der gesellschaftlichen Normvorstellung abweichen, bezeichnen sich häufig als neurodivergent. Dazu zählen beispielsweise Autismus, ADHS, oder Dyslexie. Manche Menschen beziehen auch Hochsensibilität in diesen Begriff mit ein.

Diese Angaben sind freiwillig. Manche Menschen benennen ihre gesellschaftlichen Positionierungen ausführlicher, andere gar nicht. Beides ist für uns stimmig.