Über

Was verstehen wir unter “Tiefe Anpassung”?

Tiefe Anpassung* beschreibt einen Weg, mit dem Fortschreiten des umfassenden ökologischen und gesellschaftlichen Kollapses bewusst zu leben. Unter Kollaps verstehen wir das allmähliche Zerfallen der Systeme, das sich mehr oder weniger merklich vor unseren Augen abspielt.  Tiefe Anpassung geht davon aus, dass wir uns in einer Zeit tiefgreifender Krisen befinden, deren Dynamik nicht kontrollierbar ist und für die es keine Lösungen gibt.

Statt nach schnellen Antworten oder Rettungsszenarien zu suchen, lädt dieser Ansatz dazu ein, innezuhalten und sich der Realität zuzuwenden – auch dann, wenn sie schmerzhaft, beängstigend oder ungewiss ist.

Im Zentrum steht die Bereitschaft, Unsicherheit aushalten zu lernen und sich von der Vorstellung zu lösen, dass es für alles eine klare Orientierung oder einen festen Plan geben kann.

Unsere Arbeit wird durch die Haltung der “Hospicing Modernity”* (Sterbebegleitung für die Moderne) vertieft. Hier wird nicht nur von einem möglichen Kollaps äußerer Systeme gesprochen, sondern vom Sterben eines gesamten zivilisatorischen Paradigmas – der Moderne selbst, mit ihren Annahmen von Fortschritt, Kontrolle und Trennung. Dieses Sterben wird nicht als etwas verstanden, das verhindert oder überwunden werden kann, sondern als ein Prozess, der gelebt und begleitet werden will – ähnlich wie in einem Hospiz. Anstatt zu reparieren, zu retten oder zu ersetzen, geht es darum, mit allem was gerade stirbt präsent zu bleiben, ohne zu beschönigen oder vorschnell neue Sicherheiten zu konstruieren.

Im Zeitalter der Moderne haben wir Menschen die Idee entwickelt, alles in der Welt in binäre, zweipolige Gegensätze aufzuteilen: gesund/ungesund oder schuldig/unschuldig. Viele Versuche, dem Sterbeprozeß der Moderne zu begegnen, wiederholt genau diese Idee. Viele Menschen (so auch wir immer wieder) wollen zu den “Guten” gehören und wiederholen dabei diese Ideen von richtig und falsch.

In diesem Prozess möchten wir die Ausdauer und Geduld entwickeln, die es braucht, mit Unwissenheit im Sterbeprozess der Moderne zu sitzen. Es gibt dabei kein Ziel, auf das wir hinarbeiten und wir werden vermutlich das Ende dieses Prozesses nicht erleben. Ein Bild von dieser Haltung, unserer Arbeit, könnte sein, dass wir Samen streuen möchten während wir auf den Abgrund zugehen, ohne sicher sein zu können, ob sie neues Leben zeugen werden.

Ein unumgänglicher Teil dieser Arbeit besteht deshalb darin, uns mit unserer eigenen Vergänglichkeit auseinanderzusetzen. Dazu braucht es andere Menschen, die bezeugen, mit uns präsent bleiben und uns tragen, wenn wir an die Grenzen dessen kommen, was wir alleine halten können.

Tiefe Anpassung und Hospicing Modernity fordern eine radikale Verschiebung der Aufmerksamkeit: weg von einem rein äußeren Handlungsdruck hin auch zu einer inneren Auseinandersetzung. Die Krisen der Welt werden nicht mehr nur als „dort draußen“ verstanden, sondern als etwas, das genauso in uns wirkt – in unseren Gewohnheiten, Denkweisen und Bedürfnissen. Daraus entsteht die Einladung, die eigene Verstrickung in zerstörerische Systeme ehrlich zu erkennen, ohne sich dabei in Schuld oder Abwehr zu verlieren. Dadurch erweitert sich Verantwortung von mir als Individuum zum Größeren. Sie umfasst nicht nur das eigene Handeln, sondern auch die unsichtbaren Verbindungen zu globalen Zusammenhängen, historischen Ungerechtigkeiten und ökologischen Folgen.

Ein wesentlicher Bestandteil dieses Weges ist das bewusste Zulassen von Gefühlen wie Trauer, Angst, Wut oder Ohnmacht. Wir sehen diese nicht  als Hindernisse, sondern als notwendigen Zugang zu einer tieferen Beziehung zum Leben. 

*Erläuterungen (Deep Adaptation, Hospicing Modernity) – noch nicht final